Press "Enter" to skip to content

Grünes Gefängnis

„Gehen Sie in den Schmerz noch einmal hinein!“ Das riet mir mein Rechtsanwalt, nachdem ich mich gegen die Hatespeech-Anzeige eines früheren Mitbewohners aus der Kreuzberger Grünen-WG wehren musste. Der hatte mir den Staatsschutz vorbei geschickt, weil es ihm einfach reichte. Zwar hatte der Staatsschutz gesagt, dass er nur vorbeigekommen sei, weil es um einen hohen Politiker gehe, also wegen eines Privilegierten. Probleme hatte ich danach natürlich dennoch. Mir kam gleich die erste Sitzung des Parteirates in den Sinn, als man mir sagte, dass Grüne bei Schulschwänzen auf jeden Fall die Polizei rufen würden.

Heute haben sich die Grünen verändert. Schulschwänzen ist en Vogue und überhaupt ist plötzlich eine radikale Rhetorik gefragt. Die Grünen sind nun mithilfe des Internets Wahlsieger geworden. Die CDU ist nicht mehr geliebter zukünftiger Koalitionspartner, sondern eine zerstörenswerte Partei.

Natürlich habe ich es genau falsch angefangen. Ich hätte nach innen hart sein müssen und nach außen solidarisch. Es war falsch, mit Blogs und Social Media Witze zu machen. Halt: Es war falsch, dass ich mit Blogs und Social Media Witze gemacht habe. Dadurch habe ich mich aus dem Fenster gelehnt und mich ausgepowert.

Hass-Lügen aus Hessen

Mein Geist hat sich aber auch automatisch dem Erfolg bei den Grünen verweigert. Ich weiß nicht, warum das so ist. Meine Vermutung ist grausig: bei der BDK (Bundesdelegiertenkonferenz) in Dresden Ende 2003 habe ich beobachten müssen, wie Daniel Cohn-Bendit und seine hessischen Schergen dem Kandidaten der Grünen Jugend scheinbar grundlos mit haltlosen Hass-Lügen die Kandidatur zerstört haben. Es wurde behauptet, er sei der Büroleiter von Ilka Schröder. Schröder hatte in der Vor-Legislaturperiode die deutsche Gruppe der Grünen gespalten. Es war die Zeit des Kosovo-Kriegs.

Ich habe die Vermutung, dass Cohn-Bendit manche Personen nicht wiedersehen möchte, weil diese Jugenderinnerungen haben, die möglicherweise traumatisch sind. So musste der Einzug des Kandidaten unbedingt verhindert werden, damit er nicht in den Fraktionsräumlichkeiten auf ihn treffen könnte.

Nie in ein Parlament

Solche Gedanken habe ich mir damals nicht gemacht. Nur bei einem war ich innerhalb meiner gesamten Grünen-Zeit sicher: dass ich niemals für die Grünen in ein Parlament kommen würde. Ich hatte vermutlich Angst vor den Realos, schlichtweg, weil sie sich insbesondere bei jener BDK, aber auch zu anderen Gelegenheiten furchterregend ungerecht zu verhalten schienen. Wenn sich die Hessen-Realos damals an einer Intrige beteiligt haben, dann hat das Kinderladen-Thema zumindest bis 2003 in die grüne Partei gewirkt. Das ist zutiefst undemokratisch, weil Opfer von sexuellem Missbrauch hier noch mehr vom politischen Engagement abgehalten werden, als sie es eh schon werden.

Meine Kandidaturen wurden mehrmals mit einem Hinweis auf Ilka Schröder zu sabotieren versucht. Es liegt nahe, dass ich unbewusst die Verbindung zu dem schrecklichen Erlebnis auf der BDK 2003 zog. Natürlich habe ich Schröder zu kontaktieren versucht, um den unverständlichen Hass, der mir von den Realos entgegenschlug, zu verstehen.

Man verstehe mich nicht falsch: Natürlich bin ich zu weich für Parteipolitik. Ich hatte nicht genug Ressourcen, um mit dem Hass der Parteifreunde adäquat umgehen zu können. Und es waren nicht nur die Realos, so talentiert, wie ich in sozialen Dingen nun mal bin, haben dann eben auch die Linken begonnen, mich zu hassen. Das ist kein Vorwurf an irgendwen, sondern ein erster Versuch zu verstehen. Ich bin nun mal ein hassenswerter Mensch, der geborene Sündenbock. In der Schule wurde ich nicht gemobbt, aber bei den Grünen. Da ging das dann richtig los. Haifische eben. Die grünen Gremlins. Sie sehen so nett und flauschig aus, aber wenn sie mit Macht in Berührung kommen, dann werden sie zu Monstern.

Privates Schweigen

Meine WG hat mich also gehasst. Nicht alle, aber alle bis auf einen. Das habe ich nicht erfahren, als die mich rausgekantet haben, sondern Jahre später. So wusste ich während der Krise nicht, wie mir eigentlich geschah. Trau keinem Parteifreund, er belügt dich sogar direkt, nachdem er dich aus der WG rausgevotet hat. So war das mit den linken grünen Männern.

Nachdem ich mich dann dem linken KV Friedrichshain-Kreuzberg angeschlossen hatte und sagte, ich wolle was zur Pädophilie-Debatte sagen, erhielt ich das schlechteste Wahlergebnis aller Bewerberinnen. Danach wurde mir gesagt, dass der Vorstand mal was gegen „die alten weißen Männer“ tun wolle. Heute habe ich den Verdacht, dass es sich dabei um Reste der Pädo-Aktivisten handelte. Eine interessante Umdeutung.

Um die unangenehmen Erfahrungen von Berlin hinter mir zu lassen, zog ich nach Ende Juli 2014 nach Bonn. Schon im August, kaum dass ich in der Stadt angekommen war, schneite ich beim Kreisgeschäftsführer Lothar rein und freute mich voll. Endlich wieder normales Grünen-Engagement, jenseits der Berliner Befindlichkeiten.

Drei Monate

Doch auch daraus sollte nichts werden. Aus unerfindlichen Gründen nahmen mich die Bonner Grünen drei Monate nicht als Mitglied auf. Ich habe mehrmals nachgefragt. Das war so schrecklich. Erst als ich im November zu einer Mitgliederversammlung ging, bei der über eine Jamaika-Koalition abgestimmt wurde, erhielt ich die klare Aussage, man wolle mich nicht aufnehmen, da ich für eine konkurrierende Partei (nämlich die Piratenpartei) arbeite. Ich weiß nicht, ob das mit der freien Arbeitsplatzwahl und dem Recht auf parteipolitisches Engagement kollidiert, aber ich war eh zu deprimiert, um das Schiedsgericht diesbezüglich zu fragen. Denn für die Bonner Grünen war ich offensichtlich nicht besser als ein Nazi.

Als ich im Kreisvorstand der Bonner Grünen war, haben wir mindestens einmal im Monat mit dem Vorstand getagt und neue Mitglieder aufgenommen. Dabei wurden stets nur die Fragen gestellt: „Kennt den wer? Ist der Nazi?“. Da man die Leute nicht kannte, hat man sie ohne wirkliche Prüfung aufgenommen. Mich kannte man jedoch, und weil mich die Bonner Grünen genauso wie die Realos und die Linken hassten, nahmen sie mich nicht auf. Als wäre ich ein Nazi.

Für meine früheren Freunde bin ich fast ausnahmslos White Trash, scheint mir. Ich höre, dass mich manche als Sexistin und als Rassistin bezeichnen. Andere fürchten sich, weil ich angeblich Trollarmeen hege.

Ökologie und Gerechtigkeit

Wenn ich jetzt sehe, wie sich junge Leute für Ökologie und Gerechtigkeit einsetzen, dann blutet mein Herz. Es ist für mich schwer zu sehen, wie Leute, mit denen ich mal Politik gemacht habe, die Früchte ihrer Arbeit ernten können – und damit meine ich nicht unbedingt einen Platz in einem Parlament, sondern die Genugtuung, dass man sich nicht umsonst in einem übermächtigen Diskurs abgerackert hat. Und die Freundschaften. Und ich bin allein. Schlimmer noch: ich kann nicht für die Grünen sein, aber auch nicht gegen sie. Meine politische Handlungsfähigkeit ist bei Null und ich habe den Verdacht, dass das nicht nur meine Schuld ist.

Auch, wenn Parteifreundschaften Schall und Rauch sein mögen, so schmerzt der Verlust des Umfeldes bis heute. Auch sieben Jahre nach den schlimmen Ereignissen in der WG habe ich mir keine neuen Freunde gesucht. Wie kann ich mich auf Freunde nach solchen Erlebnissen noch verlassen? Lieber allein sein.

Es ist nicht fair, wegen Schuleschwänzen die Polizei zu rufen. Und es ist nicht ehrenhaft, die Exmitbewohnerin wegen ihres Schmerzes noch mehr unter Druck zu setzen. Da bei den Grünen, da sind nicht alle Ehrenleute. Ehrenleute rufen bei Konflikten nicht die Polizei. Ehrenleute kümmern sich wie beim Castor um ihre Freunde, wenn sie nicht mehr können. Nötig wär’s gewesen.


Dies ist der erste Artikel, den ich in mein Blog geschrieben habe. Ich hoffe, ich kann mit dieser Art Diary die Probleme aufdröseln.


Bildnachweis: Stephan Röhl HBS /CC-BY-SA

Be First to Comment

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Bislang ist nicht geklärt, welche Cookies hier eingesetzt werden. Definitiv zu viele.